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Biotreppe im GMG: Warum neue Gasheizungen 2026 wieder erlaubt sind — und trotzdem riskant bleiben
Mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) kehrt die Gasheizung rechtlich in den Vor-2024-Zustand zurück. Die 65-%-Erneuerbare-Pflicht beim Heizungstausch fällt weg. Stattdessen tritt die sogenannte Biotreppe in Kraft — ein stufenweiser Mindestanteil erneuerbarer Gase, der erst ab 2029 greift. Das klingt nach Entwarnung für alle, die über eine neue Gasheizung nachdenken. In der Gesamtkostenrechnung über 15 Jahre ist sie es meistens nicht. Dieser Beitrag erklärt, warum.
Was die Biotreppe regelt
Das Eckpunktepapier der Bundesregierung vom 24. Februar 2026 sieht folgendes Stufenmodell für neue Heizungen vor, die mit gasförmigen Brennstoffen betrieben werden:
| Zeitraum | Mindestanteil erneuerbarer Gase |
|---|---|
| 01.07.2026 – 31.12.2028 | 0 % (keine Quote) |
| ab 2029 | 10–15 % Biomethan |
| ab 2035 | ca. 30 % |
| ab 2040 | ca. 60 % |
Die genauen Prozentsätze stehen erst mit dem Gesetzestext fest. Klar ist: Der Pfad ist steigend, er endet nicht vor 2045, und er wird durch den EU-Emissionshandel für Gebäude (ETS 2) flankiert — dem CO₂-Preis-Regime, das ab 2027 in einen Marktkorridor überführt werden soll.
Zum gesetzgeberischen Gesamtkontext und zum aktuellen Zeitverzug siehe unseren Beitrag GMG weiter auf nach Ostern verschoben.
Die drei Risiken, die in der Berechnung oft fehlen
1. CO₂-Preis steigt — und ist nicht mehr gedeckelt
Der nationale CO₂-Preis für Brennstoffe liegt 2026 bei 55 €/t und klettert bis 2027 auf einen Preiskorridor von 55 bis 65 €/t. Ab 2027 löst der europäische ETS 2 das nationale System ab. Für die Preisbildung heißt das: Die bisherige Planungssicherheit durch gesetzlich fixierte Festpreise endet. Marktprognosen gängiger Energieversorger und Forschungsinstitute sehen mittlere ETS-2-Preise von 90 bis 150 €/t bis 2030 und 200 €/t und mehr bis 2035 — je nach Szenario für den Klimazielpfad.
Für ein typisches Einfamilienhaus mit 18.000 kWh Gasverbrauch pro Jahr bedeutet das allein an CO₂-Kosten einen Anstieg von heute rund 220 € auf potenziell 800 € oder mehr pro Jahr — zusätzlich zu steigenden Bezugskosten.
2. Biomethan-Verfügbarkeit ist nicht garantiert
Die 10- bis 15-%-Quote ab 2029 ist als "Einspeisung in das Gasnetz bilanziell zugeordnet" zu verstehen. Das verfügbare Biomethan-Angebot in Deutschland liegt bei rund 12 TWh pro Jahr — gemessen am gesamten Gasabsatz für Raumwärme (rund 250 TWh) sind das unter 5 %. Wenn alle Eigentümer, die heute auf die Biotreppe setzen, tatsächlich eine vertragliche Belieferung einfordern, muss das Angebot massiv wachsen — und wird knapper und teurer. Bereits heute liegt der Aufpreis für Biomethan-Tarife bei 30 bis 60 % gegenüber Erdgas.
3. Stranded Asset: 20 Jahre Lebensdauer treffen auf ein auslaufendes Geschäftsmodell
Eine neue Gas-Brennwerttherme ist auf eine wirtschaftliche Nutzungsdauer von 18 bis 20 Jahren ausgelegt. Wer 2026 einbaut, rechnet bis 2044/2046. Auf diesem Horizont wird der Biomethan-Anteil auf rund 60 % gesteigert, der EU-ETS-2-Pfad führt voraussichtlich in ein Hochpreisumfeld, und die Gasnetzentgelte werden durch die sinkende Anschlusszahl pro Endkunde steigen (sogenannte Netzentgelt-Degression der verbleibenden Abnehmer). Kurz: Je länger die Heizung läuft, desto teurer wird jede einzelne Kilowattstunde. Das ist das klassische Stranded-Asset-Muster.
15-Jahres-Gesamtkostenvergleich
Die folgende Tabelle zeigt eine Grobrechnung für ein unsaniertes Einfamilienhaus mit 18.000 kWh Wärmebedarf über 15 Jahre (2026–2041). Es handelt sich um Szenario-Werte, keine Investitionsberatung — individuelle Gegebenheiten wie Dämmstandard, Aufstellort und Tarifwahl können das Ergebnis deutlich verschieben.
| Position | Gas-Brennwert + Biotreppe | Luft-Wasser-Wärmepumpe |
|---|---|---|
| Investition (brutto) | ca. 13.000 € | ca. 33.000 € |
| BEG-Förderung (maximal 70 %) | 0 € | –21.000 € |
| Netto-Investition | 13.000 € | 12.000 € |
| Energieverbrauch p. a. | 18.000 kWh Gas | 4.500 kWh Strom (JAZ 4,0) |
| Energiekosten Jahr 1 (inkl. CO₂) | ca. 2.400 € | ca. 1.400 € |
| Kosten Jahre 1–15 (Preispfad-Szenario) | ca. 48.000 € | ca. 25.000 € |
| Summe 15 Jahre (netto) | ca. 61.000 € | ca. 37.000 € |
In diesem Szenario liegt die Wärmepumpe über 15 Jahre rund 24.000 € günstiger — trotz deutlich höherer Anschaffung. Der Hebel liegt in der BEG-Förderung und im wachsenden Spread zwischen Strom- und Gaspreis.
Was Eigentümer jetzt tun sollten
- Keine Entscheidung aufgrund des Tagesgeschehens treffen. Der GMG-Text liegt noch nicht vor, aber die Biotreppe-Richtung ist stabil. Die Kernfrage lautet nicht "darf ich?", sondern "trage ich die Kosten bis 2045?".
- Pflicht-Energieberatung nicht aufschieben. Die neutrale Vor-Ort-Beratung eines Energieeffizienz-Experten liefert die individuelle Heizlast und die realistischen JAZ-Werte für eine Wärmepumpe — die Basis jeder Gesamtkostenrechnung.
- Individuellen Sanierungsfahrplan (iSFP) erstellen lassen. Der iSFP hebt die Förderbemessungsgrundlage und macht die Hülle-vor-Technik-Logik sichtbar. Details im Beitrag iSFP-Bonus 2026: Wie sich die Förderung verdoppeln lässt.
- Propan-Wärmepumpe prüfen — das natürliche Kältemittel R290 erfüllt die verschärften Umweltanforderungen und löst in der BEG den 5-%-Effizienzbonus aus. Mehr dazu in unserer Anleitung zur KfW-Heizungsförderung 458.
- Wer zwingend Gas braucht (z. B. bei fehlender Außeneinheit-Stellfläche in dichter Innenstadtbebauung), sollte das Angebot auf kürzere Finanzierungshorizonte rechnen und einen Ausstiegspfad mitdenken — nicht auf 20 Jahre, sondern auf 10.
Warum die Zahlen in der Praxis verlässlich werden
Die CO₂-Preis-Szenarien, der JAZ-Ansatz und die Hüllen-Bilanzierung sind nur so gut wie das darunterliegende Rechenmodell. Für die normkonforme Ermittlung des Wärmebedarfs und den Vergleich mehrerer Anlagenvarianten in einer gemeinsamen Bilanz nutzen Energieberater üblicherweise DÄMMWERK mit dem Simulationstool zur Bedarfsdeckung (Modul E6) — das Werkzeug berechnet Deckungsgrade von Wärmepumpen, PV-Eigenverbrauch und konventionellen Kesseln im gleichen Modell. So wird aus dem "darf ich eine Gasheizung einbauen?" eine belastbare Gesamtkostenaussage für das individuelle Gebäude.
Fazit
Die Biotreppe ist eine juristische Entspannung, keine wirtschaftliche. Eine neue Gasheizung ist ab Juli 2026 wieder uneingeschränkt erlaubt, aber in der Mehrzahl der Fälle über die Nutzungsdauer hinweg deutlich teurer als eine geförderte Wärmepumpe. Die Pflichtberatung bleibt — und sie ist die beste Gelegenheit, diese Rechnung für Ihr konkretes Gebäude sauber aufzumachen, bevor Sie einen Vertrag unterschreiben.
Nächster Schritt
Saniernavigator zeigt Ihnen, wie Ihr Gebäude über 15 Jahre mit verschiedenen Heizsystemen abschneidet — inklusive Biotreppe-Szenarien und aktueller BEG-Förderung.
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Quellen
- Öko-Zentrum NRW — Update zum Gebäudeenergiegesetz
- CleanThinking — Gebäudemodernisierungsgesetz: Was die Eckpunkte bedeuten
- Architektenkammer NRW — Eckpunktepapier GMG
- Energie-Fachberater — Update: Gesetzentwurf für GEG/GMG erst nach Ostern
- ADAC — Wärmepumpe-Förderung 2026: Bis zu 70 Prozent Zuschuss
- ZDFheute — Was bisher über das neue Heizungsgesetz ab 2026 bekannt ist
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